Im Interview wird ein Mensch gefragt: „Wie haben Sie es geschafft, 105 Jahre alt zu werden?“ Antwort: „Also, geatmet habe ich eigentlich immer.“ Nach einem herzlichen Lachen hat mich der Witz dazu inspiriert, wieder einmal konzentriert einzuatmen. Dabei habe ich gleich auch bewusster gerochen – und festgestellt, dass gelüftet werden muss. Ran ans Fenster – da kam auch gleich ein bisschen Bewegung in meinen Körper – und rausgeatmet. Frische, kühle Luft kam bei mir an. Trockener als ich sie im Herbst erinnere, hat sie meine Nase gekitzelt. „Atme ein – und atme aus!“ hörte ich eine innere Stimme. So einfach kann das Leben manchmal sein. Einatmen und ausatmen und dabei dankbar fühlen, wie sich meine Lungen füllen und entleeren und mich mit Kraft und Frische anfüllen. Das, was mir sonst so selbstverständlich vorkommt, dass ich keinen Gedanken darauf verwende, tut mir jetzt, da ich mich darauf konzentriere, richtig gut und erfüllt mich mit Dankbarkeit: Ich atme, ich lebe.
Impuls Erntedank 2026: Dankbarkeit
Wahrscheinlich könnte der 105-jährige Mensch auch sagen: „Gegessen, getrunken und geschlafen habe ich eigentlich immer.“ Denn auch das sind ja Grundgegebenheiten, die uns am Leben erhalten und die wir für selbstverständlich nehmen, bis sie es nicht mehr sind. Mit einer monatelangen Trockenheit, die das Laub an den Bäumen vertrocknen lässt und die Flüsse und Seen verschwinden, ist nicht nur bei den Landwirten angekommen, wie kostbar beispielsweise Wasser ist.
An ersten Wochenende im Oktober wird in den meisten Kirchen Erntedank gefeiert. Da liegt dann auf und um den Altar vieles von dem, was gewachsen ist. Aufmerksame Menschen werden das ein oder andere vermissen, weil es einfach zu trocken war. Umso dankbarer sind wir für die anderen Gaben, die auch in diesem Herbst wieder geerntet wurden und werden.
Über allem richtet sich dabei meine Dankbarkeit an Gott, der diese Welt so eingerichtet hat, dass es möglich ist, aus ihr und von ihr zu leben. Und so stimme ich ein in Worte aus dem 104. Psalm: „1Lobe den Herrn, meine Seele! 10Du lässest Brunnen quellen in den Tälern, dass sie zwischen den Bergen dahinfließen, 11dass alle Tiere des Feldes trinken und die Wildesel ihren Durst löschen. 12Darüber sitzen die Vögel des Himmels und singen in den Zweigen. 13Du tränkst die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.“
So schreibt jemand, der den Wert des Wassers zu schätzen weiß. In diesem Jahr lernen wir diese Dankbarkeit neu kennen und vielleicht lernen wir auch, das Wasser besser zu schützen. Weggeworfene Zigarettenkippen und Batterien, Weichspüler und viele moderne Reinigungstabs verunreinigen sowohl das Grundwasser als auch das im Umlauf befindliche Nutzwasser. Da gibt es also viel, was wir tun können, um das vorhandene Wasser zu bewahren. Und dann genieße ich ein klares Glas frischen Leitungswassers mit der gleichen Andacht, mit der ich atme und voll Dankbarkeit Gott gegenüber.
Ebenfalls danke ich den Landwirten, die unter den schwierigen Bedingungen der Trockenheit die Böden bestellen, pflügen, pflanzen, pflegen und ernten – damit ich jeden Tag Brot und Kartoffeln, Äpfel und Möhren und eine Vielfalt an anderen Nahrungsmitteln zu mir nehmen kann. Immer um Erntedank genieße ich sie mehr. Einerseits weil frisches Obst und Gemüse natürlich eine Gaumenfreude ist, andererseits, weil mir wieder deutlich wird, wie gut es mir damit geht, so leichten Zugang zu frischen Lebensmitteln zu haben. Oder, wie der Psalm weiter ausführt: „14Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst, 15dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz glänze vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke.“ (Luther 2017).
Also lassen Sie uns in diesem Herbst mit dankbarem Herzen genießen, dass wir atmen, essen und trinken und vielleicht auch ein bisschen etwas dafür tun, dass es so bleibt.
wünscht
Pfarrerin Stefanie vom Hoff, Mannheim-Süd






