Impuls Juli/August 2026

Sind Sie gerne Gastgeber? Oft lade ich Personen ein, die ich schon kenne: Familie, Freunde eben. Aber was ist mit den anderen, die ich noch nicht oder nur ein bisschen kenne? Man braucht die Bereitschaft dafür, sich selber und sein Haus oder Garten für die zu öffnen, die man noch nicht kennt. Leichter ist es mit einer Art Türöffner: einen Freund, der jemanden mitbringt, eine Empfehlung von irgendwo her.
Es braucht die Neugierde, sich auf einen Gast einzulassen, die Offenheit für den anderen. Als Gast wiederum braucht es die Bereitschaft, das auch anzunehmen. Gar nicht immer so leicht.

Bei meinem Auslandsstudium hat mich ein Studienfreund in sein syrisches Heimatdorf eingeladen. Dabei war für ihn klar: Ich übernachte natürlich nicht in seinem alten, urtümlichen Elternhaus aus unverputzten Natursteinen, sondern im Neubau seines Bruders. Zudem wurde das Ehebett für mich für die Nacht geräumt… und zum Frühstück wurde das Beste aufgetischt, was die Küche zu bieten hatte. So kann Gastfreundschaft sein.
Die Urgeschichte über die Gastfreundschaft steht in der Bibel im Buch Genesis 18. Abraham und Sarah haben mit ihrer Herde am Rande der Wüste in einem kleinen Hain ihre Zelte aufgeschlagen. Da kommen drei Fremde auf sie zu. Sie werden in den Schatten gebeten, ihre Füße gewaschen. Ein Kuchen wird gebacken, ein Kalb zubereitet, dann gemeinsam festlich gegessen. Mitten in der Wüste. Vielleicht besteht da auch ein Zusammenhang. Je unwirtlicher die Orte, desto eher ist Gastfreundschaft nötig, um den Bedingungen zu trotzen, Umso wichtiger ist es, dass einem jemand die Tür öffnet und die Hand reicht.
Abraham und Sarah sind gute Gastgeber. Sie kümmern sich um das Wohlergehen der Fremden. Die Erzählung hat aber noch eine Pointe:  Abraham und seine Frau werden dadurch selber zu Gesegneten. Abraham lebt Gastfreundschaft – und er bekommt von seinen Gästen viel zurück, denn sie übermitteln eine frohe Botschaft von Gott: Abraham und Sarah werden Nachkommen haben. In den Besuchern tritt Abraham Gottes Antlitz entgegen, ein echtes Gottesgeschenk.
Einladen – und sich einladen lassen. Einander begegnen, miteinander unterwegs sein. Gastfreundschaft ist dann keine Floskel, keine Nötigung, sondern eine Herzensangelegenheit. Sie bringt etwas von Gottes Freundlichkeit auf die Erde. Deshalb war Jesus so ein guter Gastgeber. Manchmal hat er sich selber eingeladen, weil er wusste: Der Gastgeber wird selber zum Gesegneten. So war das im Haus des unbeliebten Zöllners Zachäus.  Am Ende des gemeinsamen Essens sagt Jesus: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams“ (Lukas 19,9)
Mir sagt das: Wenn ich meine Türen öffne, jemand einlade, neben mir auf der Bank im Schatten Platz zu nehmen, offen bin für Begegnungen, dann bleibe ich nicht derselbe. Es verändert sich etwas. Ich lasse mich selbst einladen: von den Lebensgeschichten anderer. Von den schönen und fröhlichen Geschichten und von den sorgenvollen und nachdenklichen. Von getränkten Erfahrungen, ungewohnten Gewürzen und exotischem Essen, neuen Gedanken und verwegenen Ideen. So werde ich selbst zum Gesegneten. Dann können aus Gästen Freunde werden.
Dr. Victor vom Hoff, Pfr. in der ev. Pfarrgemeinde Mannheim-Süd