Irmgard Seitz

lt. Marchivum: Irmgard Seitz (geb. 08.07.1933 in Seckenheim. Zuletzt Zähringerstr. 35), 1940 im Alter von 7 Jahren ermordet in Grafeneck
[Eltern: Karl Seitz & Anna geb. Schmelcher]
 
Im Ortssippenbuch Seckenheim konnte zu diesem Opfer nichts gefunden werden.
 
Fr. Dr. Lea Oberländer berichtet in Ihrem Buch ausführlicher über Irmgards Geschichte.
Im Kapitel "Aus der Gesellschaft verdrängt: Eine Stadt und ihre Opfer" beschäftigt sie sich mit der Frage, wie viel die Eltern wussten oder ahnten:
"Kaum ein Zeugnis von Angehörigen lässt die Interpretation zu, die Schreibenden hätten von der NS-"Euthanasie" Kenntnis oder eine konkrete Ahnung gehabt, dass die Verlegten keines natürlichen Todes starben. Eine Ausnahme bilden die Eltern der in Grafeneck ermordeten Kinder und Jugendlichen aus der Anstalt Mosbach / Schwarzacher Hof im Odenwald.... Die Mutter der siebenjährigen Irmgard Seitz schrieb beispielsweise in vertrautem Ton mit dem Anstaltsleiter und beklagte die Verlegung und Täuschung, nicht die Ermordung ihrer behinderten Tochter:
Will ihnen mitteilen, daß Irmgard von Mosbach nach Grafeneck kam. Am 8. Oktober wurde mir mitgeteilt, das Irmgard am 05. Oktober gestorben ist an Ruhr. Habe aber erst am 8. Oktober erfahren, wo sie war. Von Karlsruhe habe ich bis auf den heutigen Tag, trotzdem ich 2 Mal dort anfragte noch keine Antwort. Es ist auch gut so, wenn Sie nicht schreiben, ich weiß es ja wo Sie war. Werter Herr Direktor nur hätte ich einen Wunsch gehabt, Sie wäre bei Ihnen in der Anstalt gestorben, da wüßte ich wenigstens daß auch die Warheit gesagt wurde. Aber denen in Grafeneck glaube ich kein Sterbenswörtchen was sie geschrieben haben. Ich wünschte ja schon immer, daß Irmgard von ihrem Leiden erlöst wurde. Aber warum denn ausgerechnet dort wo all die Unheilbaren sterben. Irmgard war über 3 Jahre in ihrem Heim war immer munter und froh und da ist sie kaum 14 Tage und schon war sie tot. Habe auch dort hingeschrieben wegen der Urne, die ist noch nicht gekommen." (S. 212)
 
"Für diese Angehörigen lag es auf der Hand, dass nicht nur das eigene Kind, sondern auch andere Kinder betroffen waren, dass also ein System hinter der Verlegung und dem Tod steckte und die Kinder folglich ermordet wurden. Das deutet auf eine Vernetzung unter den Angehörigen hin. Dies mag durch häufige längere Besuche bei den Kindern über die Zeit der Anstaltsunterbringung entstanden sein, aber auch durch ein gemeinsames erschütterndes Erlebnis: Am 22. September 1940, zwei Tage nachdem der letzte Transport nach Grafeneck abgefahren war, kamen viele Eltern zum üblichen Besuchstag in die Anstalt und trafen ihre Kinder dort nicht mehr an, was dramatische Szenen zur Folge hatte. Der Anstaltsdirektor hatte zwar entgegen seinen Anweisungen die Eltern der ersten beiden Transporte schriftlich kurz nach der Abfahrt in Kenntnis gesetzt, darauf nach einer Verwarnung durch das Ministerium beim dritten und letzten Transport jedoch verzichtet, so daß die Familien unvorbereitet vor Ort von der Verschleppung  erfuhren." (S. 213)
 
Vermutlich wurde dieser dritte Transport bereits am 20. September 1940 direkt nach der Ankunft in Grafeneck vergast - die Totenscheine der betreffenden Jugendlichen nannten dann unterschiedliche Todesdaten im Oktober und auch unterschiedliche Orte (siehe z.B. "Richard und Ludwig Lang", S. 214 im Buch).
Von daher kann angenommen werden, dass auch auf Irmgards Totenschein ein fiktives Todesdatum steht und auch die Todesursache "Ruhr" nicht korrekt war. 
In Fr. Dr. Lea Oberländers Vortrag sind folgende Dokumente zu Irmgards Tod enthalten:
Geburtsurkunde Irmgard Seitz
 
Liste der KZ-Gräber auf dem Hauptfriedhof und den Vorortfriedhöfen in Mannheim (ohne Datum)
 
Demnach kam die Urne wohl später doch noch nach Seckenheim und wurde am 31.10.1940 im Familiengrab Karl Seitz beigesetzt.