AK Euthanasie in Seckenheim

 
Nachdem Fr. Dr. Lea Oberländer am Freitag, 19.04.2024 in der Erlöserkirche einen Vortrag über Ihre Ergebnisse ihres Forschungsprojekts zum Thema Euthanasie in Seckenheim gehalten hat, hat sich ein kleiner Arbeitskreis gebildet, der zum Ziel hat, dieses dunkle Kapitel der Seckenheimer Ortsgeschichte weiter aufzuarbeiten und nach Möglichkeiten eines würdigen Gedenkens an diese Opfer zu suchen.
 
Dem Arbeitskreis (AK) gehören einige interessierte Bürgerinnen und Bürger aus der Erlösergemeinde, der katholischen Schwestergemeinde, dem Förderverein historisches Seckenheim und aus der örtlichen Politik an.
Interessierte können gerne noch hinzustoßen. Bitte melden Sie sich bei Pfarrer Dr. Victor vom Hoff, damit Sie zum nächsten Treffen des Arbeitskreises eingeladen werden können.
 
Presse-Berichte über den Vortrag von Fr. Dr. Oberländer finden Sie auch hier.
 
Insgesamt konnten bisher 18 NS-Euthanasie-Opfer mit Seckenheimer Wurzeln identifiziert werden.
Sie wurden meist von Mannheim oder Heidelberg aus in sogenannte Kreis-/Heil- und Pflegeanstalten z.B. Weinheim, Wiesloch oder Mosbach/Schwarzacher Hof gebracht, an denen man ihnen vermeintlich helfen würde.
Ende 1939 begannen die Nazis diese Patienten systematisch zu erfassen und an Hand verschiedener Prognosekriterien den weiteren Weg festzulegen. Da den Ausfüllern der Erfassungsbögen in den Heil- und Pflegeanstalten zu Beginn die Intention nicht transparent war, wurde hier mancher Fall tendenziell schlechter dargestellt, als er war, weil man dachte, dann würden die Patienten in den Einrichtungen bleiben können und nicht zu Arbeitsdiensten im Krieg verpflichtet - das Gegenteil war allerdings der Fall: Wer als "nicht arbeitsfähig" eingestuft war, fiel nach Euthanasielogik der Gesellschaft nur zur Last und wurde nicht mehr gebraucht. Man sprach ihm das Recht zu Leben ab.
 
Von diesen 18 Seckenheimer Opfern wurden so 11 in der ersten Welle im Rahmen der Aktion T4 in Grafeneck ermordet. Weil es sich hier nachgewiesener Weise um eine Verlegung mit klarer Tötungsabsicht handelte, verwenden wir hier auch den Begriff "ermordet".
Bei den späteren Opfern, die nach Abschluss der Aktion T4 im Zeitraum der "kooperativen Euthanasie" in Heil und Pflegeanstalten (z.B. Hadamar, Hoerdt im Elsass, Klingenmünster, Bad Schussenried, Kork) unter meist unklaren Umständen verstorben sind, kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden, ob sie z.B. durch Medikamente gezielt ermordet wurden, oder aber auf Grund der schlechten Bedingungen an (unbehandelten) Krankheiten oder Hungerkost verstorben sind.
Auf den Totenscheinen wurden teilweise vorgeschobene Todesursachen vermerkt, so dass auch diese Angaben nicht belastbar sind. Ihre Asche wurde teilweise vor Ort beerdigt, teilweise den Angehörigen übergeben, so dass einige in Seckenheim beigesetzt wurden.
 

NS-"Euthanasie"

Was versteht man darunter?

"Der sogenannten „Euthanasie-Aktion“ fielen während des Zweiten Weltkriegs rund 300.000 psychisch Kranke und Behinderte zum Opfer. Sie galten als „lebensunwert“. Allein in den staatlichen Heilanstalten starben während des Nationalsozialismus bis Kriegsende mindestens 90.000 Patientinnen und Patienten durch Hunger und schlechte Versorgung oder sie wurden mit Medikamenten ermordet. Mehr als 70.000 Männer, Frauen und Kinder wurden in sechs Vernichtungsanstalten vergast.
In der Tiergartenstraße Nr. 4 in Berlin wurde der Massenmord zentral organisiert, daher ist die Aktion auch unter der Abkürzung „T4“ bekannt. In Grafeneck bei Münsingen, der ersten von sechs dieser Anstalten, kamen 10.654 Menschen ums Leben. Das Personal dieser Tötungsanstalt arbeitete später in den Vernichtungslagern von Auschwitz, Treblinka, Sobibor und Belcek."
 
 
In der Aufstellung finden sich mit Frieda Bruckert, Ludwig Herrmann und Emil L. Seitz außerdem drei Opfer, die erst nach Beendigung des Krieges in den jeweiligen Anstalten verstorben sind und damit keine direkten Opfer der NS-Euthanasie sind, jedoch von Fr. Dr. Oberländer in Ihrem Forschungsprojekt trotzdem genannt wurden. Da auch Sie vermutlich keine leichte Zeit während des NS-Regimes hatten, nennen wir Sie hier trotzdem, haben aber eine kursive Schrift gewählt.
 
Wichtig ist uns dabei, dass die Opfer nicht anonym bleiben - es waren Bürgerinnen und Bürger, die aus der Seckenheimer Gesellschaft herausgerissen wurden, weil sie gesundheitliche und/oder psychische Probleme oder Erkrankungen hatten.
 
Auffällig ist, dass bei vielen von Ihnen die nächsten Angehörigen (Eltern oder Ehegatte) zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben waren, so dass es vermutlich niemanden mehr gab, der sich schützend vor sie stellen konnte. Fr. Dr. Oberländer zeigt jedoch an einigen eindrücklichen Beispielen in ihrem Buch, dass auch die teilweise intensive Sorge von Angehörigen keine Garantie für ein Überleben war. Teilweise schien das Nachfragen den Prozess eher zu beschleunigen. In einigen wenigen Fällen waren Angehörige wohl aber auch erfolgreich und konnten die Betroffenen retten.
 
Aber auch Menschen mit Beeinträchtigungen, die in ihren Familien lebten, waren dort keineswegs sicher. Gerade Kinder mit vermeintlichen Einschränkungen wurden durch die "Reichsausschussaktion" bedroht, aus ihren Familien gerissen und über sogenannten "Kinderfachabteilungen" ermordet zu werden. Hebammen und Ärzte wurden bei dieser Aktion verpflichtet "verdächtige" Kinder unter 3 Jahre (später ausgeweitet bis 16 Jahre, in Einzelfällen bis 20 Jahre) mit Formblättern an die Gesundheitsämter zu melden. In Berlin wurde dann auf Grund der Datenblätter entschieden, welche Kinder leben oder sterben sollten. Das wichtigste Kriterium stellte die Prognose dar, ob das Kind jemals zur Arbeit fähig sein würde.
 
Basierend auf den Informationen von Fr. Dr. Oberländer und dem Marchivum haben wir weitere Recherchen durchgeführt. In akribischer Kleinarbeit wurden von Hr. Vogler die vorhandenen Informationen zu den Seckenheimer Opfern mit dem Ortssippenbuch Seckenheim abgeglichen auf der Suche nach Familienverbindungen. Auch die Kirchenbücher der Erlösergemeinde wurden geprüft und einige Taufdaten gefunden. Mit diesen Daten wurde dann auf der Ahnenrechercheplattform ancestry.de weiter recherchiert in der Hoffnung, evtl. Verbindungen zu schaffen zu eventuell heute noch lebenden Familienangehörigen, die ein Interesse am Gedenken haben könnten oder aber auch weitere Informationen zur Einordnung beisteuern zu können. Wir stellen unsere Rechercheergebnisse auch hier zur Verfügung um evtl. weitere Kontakte oder Informationen zu finden.
 
Also melden Sie sich gerne bei Eva Götz, wenn Sie etwas beitragen können oder aber auch, wenn Sie der Meinung sind, dass unsere Daten fehlerhaft sind oder eine Verwechslung vorliegt. Die Datenlage ist insgesamt unvollständig, so dass wir uns bewusst sind, dass Fehler passieren können, die wir mit neuen Informationen gerne korrigieren.
 
Wir möchten ausdrücklich betonen, dass es es hier niemals um eine Schuldfrage gegenüber Familienangehörigen gehen darf. Wenn wir die Opfer hier in Ihren Familienkontext stellen, dann nur, um zu zeigen, dass es jeden treffen konnte, dass es ganz normale Mitglieder der Gesellschaft waren und dass es kaum Möglichkeiten gab, sich dieser Tötungsmaschinerie des NS-Regimes entgegenzustellen oder zu entziehen. Die Angehörigen und auch die Öffentlichkeit wurden gezielt getäuscht und die absichtlich geringe  Berichterstattung über das Thema sorgte dafür, dass Angehörige das Schicksal akzeptieren mussten und sich nicht mit anderen Betroffenen verbünden konnten. Dies zeigt Fr. Dr. Oberländer eindrücklich in Ihrer Arbeit im Kapitel "Aus der Gesellschaft verdrängt: Eine Stadt und ihre Opfer"
Sie fasst am Ende zusammen: "In Mannheim, einer Großstadt ohne Psychatrie und Pflegeheim, in der es kaum offene Propaganda für "Euthanasie" gab, war es für diejenigen, die nichts davon wissen wollten, besonders leicht, die "Euthanasie"-Verbrechen zu übersehen. Doch wer wissen wollte, wer nachfragte und nachforschte, hatte auch hier die Möglichkeit, von der planmäßig durchgeführten Vernichtungsaktion gegen Psychatriepatient*innen zu erfahren." (S. 228)
 
 
 
Damit die Opfer nicht vergessen werden und wir aus ihren Schicksalen für die Zukunft lernen können, ist das Gedenken an sie wichtig.
Wir sind überzeugt, dass alle Menschen als Geschöpfe Gottes in ihrer Vielfalt wunderbar gemacht sind und lehnen Ausgrenzung und Stigmatisierung grundsätzlich ab. Es ist eine Herausforderung für uns Menschen jeden Tag aufs Neue, in dieser Vielfalt wertschätzend zusammenzuleben und uns füreinander einzusetzen.
Integration und Inklusion müssen selbstverständlich sein in einer diversen Gesellschaft.
#niewiederistjetzt
 
Und dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes (1. Petrus 4,10)
 
Einen ersten Schritt zur Sichtbarmachung der Opfer machen wir mit dieser Gedenkseite: